23.1.12
Seltsam, aber man bewahrt immer Haltung, auch wenn man allein ist. Ich jedenfalls.
[Auch so eine Unart: "man" zu sagen anstatt "ich", wenn es um etwas geht, das einem peinlich ist. Ich höre es täglich in Radiointerviews und möchte dort anrufen und sagen: "Sagen Sie doch...." Auch wenn der Philosoph in jedem Satz "sozusagen" sagt....]
Ich sitze zuhause und fühle mich beobachtet, obwohl niemand da ist. Ich könnte verrückte Sachen machen: Umfallen, mich auf dem Boden wälzen, mit offenem Mund im Sessel sitzen, Kopf im Nacken, irre Laute ausstoßen, tanzen...
[Der offene Mund mit Kopf im Nacken passiert mir manchmal ungewollt im Taxi, ich schlafe am Taxiplatz ein. Aber gerade das ist der falsche Ort für auffälliges Verhalten: Die Fahrgäste gehen zum nächsten Taxi.]
Und bin doch immer beherrscht – lächerlich! Ich bin zu sehr konditioniert, abgerichtet, erzogen.... Ich weiß nicht, warum andere Bücher lesen, ich lese sie, um mich nicht so allein fühlen zu müssen:
"Ich versuche zu leben – durch Nachahmung, aus Achtung vor den Spielregeln, aus Abscheu gegen alles Originelle. Tun, als sei man mit Leib und Seele dabei, und insgeheim darüber lachen, denn unaufhörliches Sichempören gehört zum schlechten Geschmack." (Cioran, Vom Nachteil geboren zu sein)
Ich bin nicht dabei, wohin ich auch gehe, was ich auch mache, nichtmal wenn ich allein bin. Am Anfang haben sie mir beigebracht, wie man den Löffel hält, ich lernte, mich zu verstellen. Wollte ich heute sein wie am Anfang, ich müsste mich wieder verstellen.
[Das ist es, was das Tanztheater der Pina Bauch ausmacht: sie machen diese verrückten Sachen.]
Wäre ich wach und nicht irgendwoanders, ich wäre vielleicht darauf gekommen, so etwas zu machen:
"Den Verein haben wir vor einem Jahr gegründet. Die Geschichte ging mit Herbert los. Ein übergewichtiger, stark aknöser Junge in unserer Klasse. Ein sehr unglücklicher Mensch. Herbert war ein wandelndes Klischee. Neureicher Vater, Metzgergroßeltern, schlechte Gene, zu viel Frustessen. Wir haben uns aus Studienzwecken seiner angenommen. Wir, das sind ich nebst Freund und Klassenkamerad Utz von Lützow. Herbert hat sich uns in seinem Unglück offenbart. Wir legten ihm dann den Gedanken des mannhaften Freitodes nahe. Überraschend schnell wurde der Gedanke zu seinem. Herbert erhängte sich im Fechtraum. Danach fanden wir Interesse am Helfen. Wir führten per Internet Kannibalen und solche, die sich essen lassen wollten, zusammen. Wir vermittelten junge Mädchen, die sich umbringen wollten, an erwachsene Männer, die es liebten, jungen Mädchen beim Sterben zuzusehen. Wir führten Fundamentalisten mit Auslöschungsphantasien und lebensmüde Pubertierende, die als Selbstmordattentäter sterben wollten, zueinander. Nach einer Weile lief unsere Mission prächtig, und ja, wir hatten das Gefühl, dass man alles erreichen kann, mit jedem. Wir vermittelten neben Personalleistungen Waffen, Drogen, Sprengstoff und Kinder zum sexuellen Gebrauch. Im Internet ließ sich alles auftreiben und von der virtuellen auf eine praktische Ebene heben. Wir wurden die Gurus einer großen virtuellen Gemeinde. Unsere schulischen Bemühungen begannen ein wenig nachzulassen, weil uns neben der großen Aufgabe schlicht die Zeit fehlte. Der Lehrstoff wirkte auch ein wenig fad, wenn man das manifeste Leben täglich studieren konnte. Von mir unbemerkt glitt Kamerad von Lützow dabei in eine Krise. Wir hatten zur Tötung von bis anhin fünfzig Personen beigetragen. Mehrere Frauen waren durch uns in sexuelle Gefangenschaft geraten oder befanden sich in Kellern von Psychopathen, die die Frauen zum Suizid drängten. Kamerad von Lützow, das wurde langsam klar, nahm bleibenden Schaden durch zu viel Moral. Ich würde ihm demnächst helfen müssen."
(Sybille Berg, Die Fahrt)
Aber vielleicht wäre ich auch nach Afrika gegangen, um armen Kindern zu helfen.... Denn:
"Man sollte sich jeden Tag sagen: Ich bin einer von denen, die sich zu Milliarden auf der Oberfläche der Erde schleppen. Einer von denen und nichts sonst. Diese Banalität rechtfertigt jedwede Folgerung, jedwedes Betragen oder Handeln: Ausschweifung, Keuschheit, Selbstmord, Arbeit, Verbrechen, Faulheit oder Rebellion. Woraus folgt, daß jeder recht hat, zu tun, was er tut." (Cioran, Lehre vom Zerfall)
Eine Zeitlang dachte auch ich daran, dass man sich einfach umbringen kann. Mein Bauch entspannt sich, wenn ich mir vorstelle, ich bin tot. Alles ist gut. Alles ist erlaubt. Nichts ist wichtig. Mach einfach so weiter.... Weil ich sowieso sterbe, kann ich weiter machen. Leider entdecke ich nicht mehr viele, die sind wie ich. Immer öfter muss ich widersprechen:
"Ich finde, daß die Liebe letzten Endes nichts anderes ist als das Dürsten nach dem Genuß eines begehrten Menschen, und die von Venus verkörperte Sinnenlust uns Männern nichts anderes als das Wonnegefühl beim Entleeren der Hoden. Wahl- und maßlos betrieben aber, wird die Liebe zum Laster. Für Sokrates ist sie der von der Schönheit ausgelöste Fortpflanzungstrieb." (Michel de Montaigne, Essais)
Nein, Michel, da irrst du dich, und du hast den Sokrates falsch verstanden....
Teil 2
In Piräus nahm ich eine Fähre nach Idra, oder Hydra. Ich las auf dem Schiff Herrmann Hesse. Schrecklich, alles Klischee! Ich hatte wohl gehört, dass es auf Hydra kein Autoverkehr gab, vielleicht hatte ich mich auch bereits der Gruppe Backpacker angeschlossen, mit denen ich dann dort am Strand lebte. Damals sagte man nicht "Backpacker", weiß aber nicht mehr, was man sagte. Auf keinen Fall wollten wir Touristen sein. Es waren etwa ein Dutzend junger Leute, ein Schwarzer, der angeblich ohne Geld unterwegs war, ein Kanadier, 2 Mädels aus Skandinavien (die eine schlief dann gleich mit dem Neger), eine Amerikanerin mit großem Hut usw. Einer spielte recht gut Gitarre, und ich beneidete ihn ein bisschen.
Als meine Gruppe abends in ein Restaurant ging, um da irgendwas zu arbeiten, blieb ich am Strand. Ich glaube, ich wollte allein sein. Als die Amerikanerin hörte, ich gehe nicht mit, blieb sie bei mir. Sie war hübsch. Aber ich verkroch mich allein in meinen Schlafsack. Ich traf sie etwas später nochmal in einem Cafe, sie schien immer noch Interesse an mir zu haben. Wer weiß, wäre ich nicht so blöd gewesen, lebte ich vielleicht jetzt in den USA....
Dann bin ich zur Insel Ägena gewechselt, weil dort meine Ex-Frau war. Ich erinnere mich, wie wir in irgendeiner Bucht schwammen und sie ihr Bikini-Oberteil abnahm. Das war damals ungewöhnlich und aufregend. Ich schipperte dann zurück nach Athen, um in die Türkei zu kommen.
Seltsamerweise sehe ich mich dann in einem Flugzeug nach Izmir sitzen. Der Landweg war mir wohl zu mühselig. Es war eine zweimotorige Propellermaschine. Drinnen sah es aus wie in einem klapprigen Stadtbus. Sie flog nicht hoch, ich konnte unter mir Schiffe sehen und Wege auf den Inseln. Es waren nur eine Handvoll Leute an Bord.
In der Türkei fiel ich mit meinen langen Haaren noch mehr auf als bisher. Kinder lachten über mich und schrieen „Hello Mista!“ Ich traf zwei Türken in meinem Alter, die Englisch sprachen. Sie sagten, vorehelicher Sex und Pornografie seien verboten, aber es gebe ein Bordell, und da gingen sie manchmal hin. Ich schenkte ihnen mein Pornomagazin, und sie führten mich zu ihrem Puff. Es war ein Sperrbezirk, mehrere Häuser umgeben von unbefestigten Wegen. Im Eingangsbereich der Häuser saß die Puffmutter, mit der man durch ein Gitter hindurch verhandelte, wie in einem Gefängnis. Meine Freunde sagten, die Mädchen landen im Bordell, weil sie von ihren Familien verstoßen wurden, meistens wegen vorehelichem Sex.
Sie zeigten mir die hübscheste im Viertel. Ich wunderte mich, mir gefiel sie nicht besonders, sie war mager und hatte Hängebrüste. Aber es war billig. Ich gab der Puffmuter das Geld und wurde von dem Mädchen in ein Zimmer geführt. Sie kam aber nicht mit, ich hockte lange allein auf dem Bett und fragte mich, was die solange macht.
Ich sah dann zum ersten Mal eine rasierte Möse, und es gefiel mir schon damals nicht. Sie sah zum ersten Mal einen unbeschnittenen Mann. Sie sagte, türkische Männer würden ihre Socken anlassen, wenn sie bei einer Hure sind. Sie bohrte einen Finger in meinen Hintern, vermutlich mochten das ihre türkischen Freier – ich nicht.
Als die Zeit um war, ertönte eine Schelle, und ich hatte noch keinen Orgasmus. Also verlängerte ich um die selbe Zeit. Sie ging mit einem Handtuch raus, um sich zu waschen. Ich nehme an, sie dachte, ich sei in ihr gekommen. Ich kann’s heute nicht glauben, aber ich muss es wohl ohne Kondom gemacht haben. Im zweiten Durchgang klappte es dann. Als ich rausging, waren vor dem Eingang eine Menge junger Männer versammelt, die mir Beifall klatschten. Ich war nicht sicher, ob sie mir applaudierten oder mich verhöhnten. Aber sie dachten wohl auch, ich hätte es gleich zweimal hintereinander gemacht, und ich ließ sie bei dem Glauben.
Ich bin dann weiter nach Istanbul getrampt. Jedenfalls erinnere ich mich an ein Hotel oder Guesthouse, auf dessen Dach ich mit anderen Leuten übernachtete. Ob es der Puddingshop war, weiß ich nicht, den muss es damals aber noch gegeben haben, und ich hatte davon gehört. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich mich damals ernährte, wo ich duschte und wie ich meine Wäsche wusch. Irgendwie und wahrscheinlich eher selten....
Fortsetzung folgt.
14.1.12
Dieses Pärchen ist direkt mit mir verwandt, aus der mütterlichen Linie vom Lande, vom Heimberg in Adorf, einem Kaff irgendwo nicht weit vom Edersee. Ich glaube, es sind die Eltern meiner Großmutter. Da wundert man sich, wie aus mir ein so hübscher Junge werden konnte.
Die sind auch vom Heimberg, Onkel Karl (rechts) hatte einen Buckel, also buchstäblich die bucklige Verwandtschaft, sollen aber sehr nett gewesen sein, sagt man. Ich erinnere mich dunkel...
Die Mutter meiner Mutter, eine starke Frau, aber einen Schönheitswettbewerb hätte sie nicht gewonnen. Ich erinnre mich, wie sie in der Küche des Bauernhofes einen Laib Brot in Scheiben schnitt: Stehend, mit einem langen Messer....
Meine Mutter als Jugendliche... schien auch daneben gegangen zu sein, hatte irgendwie Ähnlichkeit mit Otto...
Die strenge Schwester meiner Mutter als BDM-Führerin....
....und mein Vater bei der Hochzeit mit meiner Mutter. Er auf Fronturlaub, waren natürlich alle keine Nazis, alle nur Mitläufer, auf Befehl gehandelt.... 
Dann kam ich in einer kalten Winternacht, und schon sieht meine Mutter deutlich besser aus, und was für kluge Augen der Kleine hat! 
Es haben sich bei mir wohl mehr Gene von der väterlichen Linie durchgesetzt: Das ist der Vater meines Vaters, der Missionar, ein schöner, wenn auch fehlgeleiteter Mann, an Cholera oder Malaria gestorben. Zumindest die Lippen habe ich von ihm geerbt.
Ich bin eindeutig die Krönung der Sippe, aber auch der letzte, die Hensgens sterben mit mir aus, jedenfalls der Name. Andere noch vorhandene Hensgens gehören nicht zu uns. Ich hatte ja immer gehofft, das Weiterbestehen des Namens sei der Familie was wert und wartete auf ein entsprechendes Angebot. Ich, gekreuzt mit einer hübschen Asiatin, was hätte da bei rauskommen können! Ist aber nie was gekommen. Habe auch keinen Kontakt mehr zur Verwandtschaft. Irgendwie passen wir nicht zusammen.
3.1.12
Gestern Nacht: Frau aus Kneipe, sehr betrunken, jung und schlank, weite Fahrt leider, labert laut, dass mir die Ohren weh tun, grabscht an mir rum... Ich schaue sie nicht an, kenne solche Leute, es ist wie im Traum, wo ich auch immer weiß, was als nächstes passiert: Sie öffnet eine Bierflasche, ich lasse sie, gebe ihr immer recht. Sie will wissen, ob sie hübsch ist, ja, du bist hübsch, sage ich, bloß nicht ärgern, cool bleiben, vielleicht sollte ich Mitleid haben, aber ich habe nur Verachtung. Sie will wissen, was hübsch an ihr ist, ich weiß es nicht, ich muss nach vorn schauen, sage ich, aber es ist gar kein Verkehr mehr draußen: "Du riechst gut", sagt sie. Was sie da riecht ist irgendein Duftstoff, der aus der Klimaanlage kommt, das Taxi war gerade in der Inspektion, könnte aber auch ein Reinigungsmittel sein. Ich soll die Musik lauter drehen – noch lauter, ist mir recht, vielleicht hört sie auf zu labern, aber sie hört natürlich nicht auf, wird nur noch lauter. Dann soll ich anhalten, ihre Bierflasche halten, sie muss pissen, halte einfach mitten auf der Straße, sie bleibt in der geöffneten Türe stehen, lässt ihre Hosen runter im Licht der Innenleuchte, ich schaue nicht hin, höre es lange plätschern, ich soll nicht wegfahren, sagt sie. Das schätzt sie allerdings richtig ein, das würde ich sehr gerne tun, hoffe, sie pisst nicht auf ihre klumpenförmigen Turnschuhe. Ein anderes Auto fährt langsam um uns herum. Sie steigt wieder ein, labert und grabscht nach mir, hätte ihre Hand beinahe zwischen meinen Beinen gehabt: "Schatz", sagt sie inzwischen zu mir, dann endlich sind wir am Fahrziel, Licht an, ich schaue in ihr Gesicht: Die hatte nicht nur eine schlechte Kindheit, die war schon immer so: Gerader, dicker Nasenrücken, wie eine plattgehauene Boxernase, Augen von einem Reptil, irgendwas zwischen Tier und Mensch. Ich denke an die Kamera, die ich immer im Taxi haben wollte, solche Leute sieht man nie im Fernsehen.... Kaum ist sie draußen, fahre ich los, erleichtert, wieder einen Fahrgast überlebt, halte hinter der nächsten Ecke, gehe ums Auto, nichts dreckig, nur auf der Fußmatte etwas Bier, alles gut, alles vergessen.... Aber die nächsten beiden Typen überlasse ich einem Kollegen, die sehen ähnlich aus wie sie.....

Im "Philosophie Magazin" 1/12 gibt Wolfram Eilenberger 6 gute Argumente gegen das Kinderkriegen, die ihn zu dem Schluss führen: "Kinderlosigkeit ist die Nächstenliebe unserer Zeit." Ich stimme allen Argumenten zu, außer seinem ersten: Er sagt, dass sich die Kosten für das Aufziehen eines eigenen Kindes in Deutschland auf mehrere Hunderttausend Euro belaufen: "Womit zu fragen wäre, wie viel Patenschaften für Kinder in den Entwicklungsländern sich mit dieser Summe 18 Jahre lang finanzieren ließen? Patenschaften für Menschen, die bereits geboren wurden. [...] Jeder, der heute eigene Kinder zeugt und finanziert [...] verhält sich in hohem Maße unmoralisch."
Aber mit Patenschaften könnte das Kinderkriegen in Afrika noch gefördert werden, man würde dort sagen: Nur zu, die blöden Deutschen zahlen ja.
Die anderen Argumente in Kurzform:
2. "Die globale Bevölkerungsexplosion bedroht nicht nur die friedliche Koexistenz unserer eigenen Art, sondern ist auch hauptverantwortlich für die fortschreitende Zerstörung des Tier- und Pflanzenreichtums auf unserem Planeten."
(Richtig. Seltsamerweise war es bisher allerdings so, dass es friedlicher wurde, je mehr wir wurden, und die Lebenserwartung stieg)
3. "Schlaflose Nächte, fehlender Sex, zerbrechende Partnerschaften, körperliche Verwahrlosung und intellektuelle Abstumpfung sind nur die sichtbarsten Begleiterscheinungen des sogenannten Kindersegens."
4. "'Nicht geboren zu werden, ist unbestreitbar die beste Lage. Leider steht sie niemanden zu Gebot'. Kreuzt man diese Einsicht mit der goldenen Regel, der gemäß man anderen nichts antun sollte, was man für sich selbst auch nicht wünscht, ergibt sich ein klares Handlungsgebot."
5. "...der Weg zu erlösender Heiligkeit führt in fast allen Kulturen nur über den bewussten Verzicht auf Nachkommen. Kiergegaard sah jeden Menschen in der Pflicht, sich so konsequent wie möglich in die Spur des kinderlosen Jesus Christus zu begeben..."
6. Wem der Sinn danach steht, eine Spur zu hinterlassen, sich unsterblich zu machen, "...dem kann nur dazu geraten werden, ein gutes Buch zu schreiben oder ein neues Naturgesetzt zu entdecken. Tätigkeiten, die erfahrungsgemäß ein Höchstmaß an innerer Sammlung erfordern – bei denen Kinder also nur stören."
Mein Argument gegen das Kinderkriegen: Man weiß nicht, was dabei rauskommt, es kann gründlich misslingen. Das Kind könnte – wenn nicht völlig missraten – faul sein, weder lern- noch arbeitswillig, mir jahrelang auf der Tasche liegen und als Gast der Wuppertaler Tafel enden. Mehrere Hunderttausend Euro wären aus dem Fenster geworfen.
Im selben Heft weist Elisabeth Badinter auf eine große Verpflichtung für die Eltern hin: Kinder könnten auf die Idee kommen zu sagen: "Ich habe nicht verlangt, dass ich geboren werde." Wäre mir dieses Argument als 7-jähriger eingefallen, ich hätte mich geweigert, zur Schule zu gehen, hätte mir den bescheuerten Konfirmandenunterricht ersparen können und keinen Beruf erlernt. Meine Eltern hätten mich lebenslang durchfüttern müssen.
22.12.11
Mir ist Weihnachten peinlich. Nur Loriots Weihnachtsgedicht ist gut. Das Grausigste und das Kitschigste beisammen: Abgetrennte Leichenteile in Weihnachtspaketen für die lieben Kleinen! Hat Loriot das Weihnachtsfest verachtet? Hätte er mit mir für seine Abschaffung gestimmt? Loriot ist ein freundlicher Diogenes. Der Kynos (Hund), der auf dem Marktplatz onanierte und sagte: „Gebe der Himmel, das es genüge, sich den Bauch zu reiben, um seinen Hunger zu stillen!“ Was würde er heute zu unserem Weihnachtsfest sagen?
Die „Entkirchlichung“ des Festes führte nicht zu seiner Abschaffung. Die Leute rennen zwar in die Kirche, aber nur so, wie man ins Kino geht oder in die Oper, weil das ein schönes Event ist. Nur 64% der Deutschen glauben noch an Gott, las ich kürzlich, und die meinen nicht alle den christlichen oder sagen statt Gott: „Irgendwas“ muss es geben. Weihnachten ist trotzdem. Warum?
Die Leute sagen, es sei schön für die Kinder. Aber das ist der übliche Vorwand. Für jeden Quatsch müssen sie herhalten, die armen Kleinen. Für alles, für das die Erwachsenen zu feige sind, selbst zu stehen. Aber es bedeutet, sie selbst könnten darauf verzichten.
Was würden sie vermissen, würde es auf der Stelle abgeschafft? Wahrscheinlich nur das Weihnachtsgeld und die freien Tage. Einige müssten die Weihnachtsdepression missen, mit der sie Zuwendung erzwingen. Unsere Stadthalle füllt sich alljährlich am heiligen Abend mit denen, die keiner einladen will. Wahrscheinlich, weil keiner sie leiden kann. Oder sie gehen dahin, weil es billig was Gutes zu futtern gibt?
Bei manchen jungen Leuten kommt’s mir so vor, als feierten sie Weihnachten ironisch, so wie eine Oldie-Party. Man stellt die Requisiten nach und amüsiert sich darüber. Das würde mir gefallen, denn sobald man über eine Sache lachen kann, ist sie überwunden.
Wäre ich König von Deutschland, würde anstelle des Weihnachtsfestes wieder die Sonnenwende gefeiert. In ironischer Erinnerung bliebe es beim 25.12., weil man in vorchristlicher Zeit glaubte, die Sonne stehe vom 21. bis 24. still. Sylvester müsste am selben Tag gleich mitgefeiert werden – ein Abwasch!