15.5.12
In Magdeburg Nachtplatz auf einem richtigen Wohnmobilstellplatz an der Elbe. Schön hier, die Stadt gefällt mir gut: breite Straßen, wenig Verkehr, freundliche Menschen mit lustigem Dialekt....
Dann das Fahrrad aufs Dach geschnallt und die Dachhaube festgeklebt. Da ich meinen eigenen Arbeiten nicht traue, habe ich die Dachhaube von innen mit Wäscheleine gesichert. 
Und Besuch bekommen von Leuten, die daher kommen, wo ich hinwill: Usbekistan. Der kleine Sohn heißt Abdu Malik, ist total süß und nennt mich: Jürgen Baba, was so viel heißt wie "Großvater Jürgen". Tja....
Morgen gehts weiter nach Leipzig, Mitfahrer Michael abholen....
9.5.12
Abschied in Wuppertal auf'm Bergerhof mit Robert. Auto hat Geländereifen bekommen, Michelin XLZ, sind von einem Landrover Defender, hätte ich schon letztes Jahr gut brauchen können.
Jetzt in Bremerhaven bei meiner Schwester letzte Vorbereitungen. Thermomatte über der Scheibe zum Runterlassen – funktioniert sogar! Auf dem Armaturenbrett neuer Tisch, diesmal fertig gekauft, in edlem Plastikfunier, viel zu schön für mich. Der alte Tisch war weiß und spiegelte sich in der Scheibe auf Fotos.
Dem "Vorhang" musste der Rückspiegel weichen, habe nun endlich einen Rasierspiegel.
Das Bett nach vorn verlängert. Ich habe einen Mitfahrer (Michael aus der Schweiz), durch den sich die Abfahrt allerdings etwas verzögert, er hat noch nicht alle Visa. Meine sind gestern angekommen.
Nuria fährt leider nicht mit, sie bleibt in Moskau, um zu arbeiten. Vielleicht macht sie einen Ausflug nach Voronesh, wo sie Freunde hat und wir sowieso durchfahren. 
Ich glaube, meine Kamera hat einen Schaden, vielleicht Altersschwäche, alles wirkt wie mit Weichzeichner aufgenommen. Wenn man die Fotos vergrößert, sieht man um die Ränder eine Art neblige Aura. Mein Computer liegt auch in den letzten Zügen, hätte mir gern einen neuen gekauft und dazu GPS-Maus und Karten. Aber finanziell ging nur entweder Equipment kaufen oder reisen. Reisen hat natürlich Priorität bei mir, weil man mit Sachen nichts erlebt.
20.4.12
Benz zugelassen, Saison 03 bis 05, Batterien reingesetzt, Schlüssel rumgedreht und sofort angesprungen, nach 7 Monaten Stillstand. Dicker Qualm kam raus, aber das muss wohl so. Bisschen vor und zurück geruckelt, weil Bremsen vielleicht festgerostet, blockierten auch zuerst, kamen aber dann frei. Ich sehr glücklich! Nun kanns losgehen. Visa bekomme ich Anfang Mai: 1 Jahr Russland, 6 Monate Kasachstan, 3 Monate Usbekistan. Nicht hintereinander, versteht sich, so lange kann ich leider nicht wegbleiben. Abfahrt steht noch nicht fest, Rückkehr ist Ende September geplant. Visumantrag für Mongolei heben wir für Tashkent auf, bis sicher ist, dass wir auch wirklich dort hinkommen. War ja in der Vergangenheit immer was dazwischen gekommen, 2x hatte ich das Visum schon im Pass, aber nie angekommen.
Habe mir noch paar Kleinigkeiten bestellt, u.a. dieses schöne Moskitonetz, es soll nämlich viele Mücken geben in Russland und Sibirien.
Freue mich besonders auf die endlos langen öden Strecken durch Kasachstan, wollen sowohl auf der Hinfahrt als auch auf der Rückfahrt da durch und möglichst verschiedene Routen nehmen. Aber wie immer darf alles auch ganz anders kommen.

Der Nachteil von Biografien ist, dass sie von Leuten geschrieben werden, die ein Fan der Person sind, deren Leben sie beschreiben. Negative Eigenschaften erkennt man bestenfalls zwischen den Zeilen, und über sexuelle Vorlieben wird gar nicht geschrieben. Daher sind Biografien eher langweilig. Aus Sparsamkeit beschränke ich mich zudem als Quelle auf unsere Stadtbibliothek, die von Frauen geführt wird und für die Biografien von Leuten wie Eric Clapton offenbar bereits zu schmuddelig sind, als dass sie dort Aufnahme fänden. Aber immer noch besser als gar nichts zu lesen während der langen Standzeiten im Taxi.
Nun habe ich diese über Alexandra David-Neel gefunden, der „Leuchte der Weisheit“, wie sie in Tibet genannt wurde, deren Lebensgeschichte perfekt ins Programm der Bibliothek passt: Ihre Abneigung gegen Männer und Sex beginnt früh:
"Alexandra, die beim Wickeln zuschaut, stellt fest, dass er etwas hat, was ihr fehlt. Sie hätte zu ihrem kleinen Bruder das gleiche sagen können, wie jene Engländerin, die ihren Mann betrachtet, während er ein Bad nimmt: »Darling, Sie wären göttlich ohne dieses Ding zwischen den Beinen.«
Diese Abneigung gegen den Mann und sein Glied wird Alexandra mit ins Grab nehmen. Als Hundertjährige noch, wenn Männer bei ihr zu Besuch waren, forderte sie nach deren Weggang ihre Haushälterin auf, unverzüglich das Fenster zu öffnen, um den schrecklichen Tiergeruch zu vertreiben. Sowohl für die fünfjährige als auch für die hundertjährige Alexandra riecht der Mann nach Raubtier." (21)
"Sie beschuldigt den Mann aller Leiden, die eine Frau zu erdulden hat, ergo muss man ihn loswerden. Die Frau muss den Mann mit Verachtung strafen, was bedingt, dass sie jungfräulich bleibt." (170)
Das Raubtier Mann ist aber nun mal da, und so macht sie das Beste daraus, indem sie ihn für ihre Interessen benützt. Sie bleibt nicht jungfräulich, sie heiratet einen gut verdienenden Ingenieur, Philippe Neel, mit dem sie nur kurze Zeit zusammen lebt und von dem sie sich dann ihre langen Reisen durch Asien finanzieren lässt. Dort findet sie einen Mann, mit dem sie leben kann: ihr Adoptivsohn, der gleichzeitig ihren "Boy" ersetzt, für den sie bis dahin Lohn fürs Kochen und Putzen zahlen musste:
"Der einzige Mann in ihrem Leben, den sie in ihrer Nähe dulden und den sie zu absoluter Keuschheit verurteilen wird, ist Lama Yongden, ihr Adoptivsohn, der mit einer gewissen Wehmut einem seiner Freunde in Digne anvertraut hat: Ich werde jungfräulich sterben, meine Mutter will nicht, dass ich eine Frau kennen lerne." (170)
Einem anderen Menschen etwas aufzwingen, was er nicht selbst möchte, ist sicher nicht im Sinne des Buddhismus, den sie auf ihren Reisen so eifrig studiert und aufgrund deren Kenntnis sie berühmt wird.
Mit der Ernährung war sie anscheinend auch nicht im Reinen. Als sie in Indien die scharfe Kost nicht verträgt, verzichtet sie auf Fleisch:
"Alexandras Verzicht auf Fleisch hat nicht allein gesundheitliche Gründe, sondern ist auch auf die strikte Einhaltung einer buddhistischen Vorschrift zurückzuführen, die es verbietet, das Fleisch eines Tieres zu essen, welches man nicht selbst getötet hat." (192)
Und Tiere darf ein Buddhist nicht töten, nicht mal einen Regenwurm. Trotzdem war Alexandra zeitlebens keine Vegetarierin. Als Hundertjährige sagt sie in einem Interview:
"Ich habe einen guten Appetit, ich esse alles. Nein, ich bin nicht Vegetarierin, warum? Ich würde nie verlangen, dass man ein Tier tötet, damit ich meinen Hunger stillen kann. Doch wenn das Tier bereits ohne mein Zutun getötet worden ist, nun, dann esse ich mit Vergnügen davon." (511)
Solange man ein Tier nicht selbst tötet, hat man also für das eine wie für das andere einen passenden Vorwand. Vielleicht hat jener Naldjorpa, ein dreckstarrender, mystischer Asket, dem man magische Kräfte zuschreibt, sie ja richtig gesehen:
"Kaum hat der Naldjorpa Alexandra erblickt, bricht er in Gelächter aus und fragt: "Was hat denn dieses dumme Huhn hier zu suchen?" (202)
In Alexandras Einschätzung der Großen dieser Welt, zu denen man sie wohl auch zählt, gebe ich ihr jedenfalls recht:
"Was für ein kollektiver Wahnsinn! Was für ein Irrenhaus ist doch diese Welt! Die Großen – armselige Hampelmänner allesamt, lächerliche Marionetten und nicht mehr." (249)
Vielen Dank, Günter Grass! Endlich mal einer, der sagt, was schon längst hätte gesagt werden müssen. Hätte ich es hier gesagt, wäre es egal gewesen. Nun kriegt er von allen Seiten Schelte, ein CDU-Politiker sei entsetzt, lese ich gerade. Und ich hatte mal ernsthaft daran gedacht, CDU zu wählen. Das hat sich nun erledigt.
Eine jüdische Familie in Israel soll eine Webseite betreiben, auf der sie mit ihren Kindern zu sehen seien und dort verkünden: "Iraner, wir lieben euch! Wir wollen euch nicht angreifen!"
Das spielt an auf den Unterschied zwischen dem, was Politiker wollen und dem, was die Menschen wollen. Im Iran ist dieser Unterschied vorhanden, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Die jüdische Familie rufe ihre Landsleute und die Iraner auf, sich solidarisch zu erklären. Einige sollen es bereits getan haben, und wie schön wäre es, würde ihre Webseite bersten von Zustimmung. Vermutlich wird sich daraus leider keine echte Bewegung entwickeln.
Hätte über das viele Bücherlesen fast meine Fortsetzungsgeschichte vergessen, hier also der 4. Teil:
In der Türkei hatte sich mein Rucksack inzwischen in seine Bestandteile aufgelöst. Mit ihm kam alles auf den Müll, was ich nicht unbedingt brauchte. Der Rest – kaum mehr als Tagebuch und Zahnbürste – passte in den Schlafsack, den ich eingerollt an einer Kordel über der Schulter trug. Das immerhin ist eine Erfahrung dieser Reise, von der ich bis heute profitiere: Wie wenig man braucht zum Leben!
So kam ich an die syrische Grenzstation Bab el-Hawa (Tor der Winde). Sie lag auf einem Hügel, schon umgeben von Wüste, und es wehte tatsächlich Tag und Nacht ein heftiger Wind. Die Station war etwa so groß wie eine Tankstelle, kein Verkehr, ich war der einzige Fußgänger, ab und zu kam ein klappriger LKW. Der Schalterraum erinnerte mich an Saloons aus amerikanischen Western. Die Flügeltüre klapperte im heulenden Wind.
Sie wollten mich nicht rüberlassen. Ich sollte bis zum nächsten Tag warten. Kein Problem, ich hatte ja Zeit, und die Atmosphäre mit den alten Gebäuden, der Wüste und dem Wind war ganz nach meinem Geschmack. Es gab natürlich kein Hotel, im Schalterraum durfte ich nicht schlafen. Etwa 200 Meter abseits von den Gebäuden stand ein winziges Haus, das vielleicht als Stall diente. Es war entweder nicht fertig gebaut oder verfallen, jedenfalls ohne Türen und Fenster. Innen nur ein Raum, der Boden mit Steinen und Müll bedeckt. Da habe ich mich reingelegt. Als es dunkel war, heulten die Hunde den Mond an, was sich anhörte, als wären es Wölfe. Aber ein paar von ihnen hatte ich am Tag gesehen; in der Nähe von Menschen liefen sie mit eingeklemmten Schwänzen herum. Habe mir aber trotzdem in jede Hand ein paar Steine bereit gelegt, mit denen ich sie notfalls bewerfen wollte. Nachts wachte ich mehrmals auf und hörte Wind und Hunde, aber nichts geschah.
Mit diesem Aufenthalt an der syrischen Grenze im Kopf, fahre ich noch heute mit freudiger Erwartung jede exotische Grenze an, aber es ist nie wieder so wild romantisch wie auf Bab el-Hawa gewesen. Inzwischen gibt es eine neue Station an einer anderen Stelle, eine moderne Anlage mit großen Gebäuden. Im Reiseführer von den Bardorfs steht: "Weniger schön sind dann die Reste der bisherigen Grenze..." Mir wäre sie eine Reise wert.
Morgens ließen sie mich ins Land. Natürlich kein Auto, das mich hätte mitnehmen können. So ging ich zu Fuß bis zur ersten Kreuzung. Das muss der 15 km entfernte Abzweig gewesen sein, wo es rechts nach Idlib, links nach Aleppo geht. Hier fuhren Autos, aber keins hielt an. Etwas abseits sah ich links ein Dorf hinter einer braunen Lehmmauer, rechts war eine Bushaltestelle. Da hockte ein junger Mann und lud mich ein in sein Dorf, sein Freund spreche Englisch.
Der Freund war der Dorflehrer und sprach tatsächlich ganz gut Englisch. Zu uns gesellten sich sämtliche jungen Männer des Dorfes. Frauen sah ich nicht. Sie wollten mir einen Esel schenken, der umgerechnet 200 DM wert sei. Wahrscheinlich hatte ich sie gefragt, wie ich nach Damaskus komme. Die Strecke auf einem Esel zurückzulegen wäre witzig gewesen, ich wäre mir wie Jesus vorgekommen, sah ja auch so aus mit meinen langen Haaren, aber zu Fuß wäre ich sicher schneller voran gekommen. Von diesen jungen Männern hörte ich es zum ersten Mal: "Wir wollen die Juden ins Meer treiben!" Und ich stellte mir vor, wie sie alle gleichzeitig vor der israelischen Grenze ankamen: Männer, Frauen und Kinder, um die Juden ins Meer zu treiben.
Ich erinnere mich an das Abendessen. Wir saßen in einem Halbrund auf dem Boden, draußen im schattigen Hof. Das Brot diente zugleich als Besteck, auf das man Fleisch oder Gemüse aus diversen Schüsseln schaufelte.
Etwa in der Mitte des Dorfes befand sich ein Hügel, möglicherweise aufgeschüttet, von wo aus man über die flachen Dächer hinweg in alle Richtungen die Wüste sehen konnte. Dort versammelten sich die alten Männer, saßen im Kreis auf wackligen Stühlen und besprachen wohl die Dorfpolitik. Ich durfte als einziger junger unter ihnen sitzen, eine große Ehre, wie mir der Lehrer zuraunte.
Dann sah ich zum ersten Mal einen tiefroten Sonnenuntergang über der Wüste, mit der Silhouette der Dächer und der kuppelförmigen Backöfen im Vordergrund.